Hinweis

Dieser Text wird in abgeänderter Fassung als Teil einer grösseren Publikation erscheinen und soll hier als Separatausgabe und mit weiterführenden Literaturhinweisen vorab publiziert werden.

Nachhaltiges Finanzwesen im Anthropozän

Mit dem Begriff des Anthropozäns[1] wird populärwissenschaftlich diejenige erdgeschichtliche Epoche ab der industriellen Revolution bezeichnet, in welcher der Mensch selbst entscheidenden Einfluss auf den Zustand, die Dynamik und die Zukunft der Erde hat. Geprägt wurde der Begriff in der Öffentlichkeit durch Crutzen im Jahre 2002.[2] Das Anthropozän ist jedoch kein offiziell anerkanntes geologisches Zeitalter. Der Begriff visualisiert vielmehr eine Epoche, in welcher der Mensch einen immer grösseren Einfluss auf das Ökosystem hat.[3] Ausgangspunkt und Ursache des neuen Zeitalters soll die industrielle Revolution[4] mit dem stark ansteigenden Ausstoss der Treibhausgase, dem steten Abbau von nicht erneuerbaren Ressourcen, der immer schneller wachsenden menschlichen Population sowie dem daraus resultierenden Temperaturanstieg (Treibhauseffekt) sein. Die Durchschnittstemperatur in der erdnahen Atmosphäre ist seit der (ersten) industriellen Revolution überproportional angestiegen. Treiber für den massiven Anstieg der Treibhausgase und der daraus folgenden Erhöhung des Rückhaltevermögen (Reflexion) für infrarote Wärmestrahlen in der Troposphäre sind vor allem die Nutzung fossiler Energieträger und der damit einhergehende Schadstoffausstoss, die fortschreitende Entwaldung sowie die intensive Land- und Viehwirtschaft.[5] Crutzen beschrieb diesen Zusammenhang wie folgt: For the past three centuries, the effects of humans on the global environment have escalated. Because of these anthropogenic emissions of carbon diocide, global climat may depoart significantly from natural behaviour for many millennia to come. It seems appropriate to assign the term Anthropocene to the present […]. The Anthroposcene could be said to have started in the latter part of the eighteenth century, when analyses of air trapped in polar ice showed the beginnen of growing global concentrations of carbon dioxide and methan. This date also happens to coincide with Jams Watt’s design of the steam engine in 1784.[6]

Nachhaltigkeit in der Bewirtschaftung ist somit ein Gebot der Vernunft und keineswegs neu. Hat Carlowitz[7] doch schon in seinem Werk Sylvicultura oeconomia[8] von 1713 bezogen auf die Holzwirtschaft festgehalten, dass die Wälder vernünftig genutzt werden müssen und deshalb nur so viel Holz geschlagen werden dürfe, wie auch wieder aufgeforstet werden könne.[9] Ironischerweise ging es schon damals um die Sicherstellung der industriellen Energieversorgung. Ist es heute die Braunkohle, die in Deutschland zum Zwecke der Stromerzeugung abgebaut wird, war es früher das Holz, welches für den Ausbau der Gruben, den Abbau des Erzes und den Betrieb der Schmelzöfen notwendigerweise Verwendung fand. Die Überlegungen von Carlowitz sind somit weniger Ausdruck einer altruistischen Sorge um die Natur geschuldet, als vielmehr Mittel zum Zweck der Verhinderung einer Energie- und Rohstoffkrise in der damaligen Erzindustrie.[10] Vier Vorschläge zur Verhinderung der drohenden Versorgungskrise wurden ausgearbeitet: a) die Steigerung der Effizienz durch die Wahl von schnell wachsenden Baumarten, b) die Substitution von Holz durch Torf als Energiequelle, c) die generelle Reduktion des Holzverbrauches (Suffizienz) durch sparsamere Anwendung sowie zu guter Letzt d) die generelle Nachhaltigkeit bei der Nutzung der Waldreserven.[11] Nachhaltigkeit ist somit (nur) eine der möglichen Antworten auf die Frage zur Lösung einer sich anbahnenden Ressourcenknappheit zur Wahrung unserer Lebensgrundlage.

Unter der Nachhaltigkeit im Finanzwesen versteht man nun alle Formen von Finanzdienstleistungen und Finanzprodukten, bei welchen die Finanzintermediäre Nachhaltigkeitskriterien in ihre Geschäfts- oder Investitionsentscheidungen implementieren. Angestrebt wird somit ein nachhaltiger Nutzen für alle Stakeholder. Nachhaltigkeit in der Finanzwirtschaft ist somit der Beitrag der Finanzmärkte zur Wandlung gesellschaftlicher, umweltbeeinflussender und wirtschaftlicher Faktoren zum Wohl der Erde und der Menschheit. Das Thema der Nachhaltigkeit wurde im Zuge der ersten UN-Weltumweltkonferenz 1972 in Stockholm erstmals auf breiter Ebene adressiert. Weitere wichtige Eckpfeiler waren der UN-Umweltgipfel 1992 in Rio de Janeiro und die dritte UN-Klimakonferenz in Kyoto 1997. Hervorzuheben ist bezogen auf die Klimaproblematik vor allem das Übereinkommen von Paris aus dem Jahr 2015. Dabei handelt es sich um eine verbindliche Vereinbarung der involvierten Vertragsparteien. Diese verpflichteten sich dem gemeinsamen Ziel, die weltweite Erderwärmung deutlich unter 2° C im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu halten und generell ihre Emissionen zu senken. Desweitern sind die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (englisch Sustainable Development Goals, SDGs) elementar. Die SDGs sind politische Zielsetzungen der Vereinten Nationen (UN), welche weltweit der Sicherung einer nachhaltigen Entwicklung auf ökonomischer, sozialer sowie ökologischer Ebene dienen sollen.

Nachhaltig Handeln heisst, die Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen, dies mittels einer Verhaltensänderung in der Gegenwart zum Wohle und Sicherstellung der Lebensgrundlage der nachfolgenden Generationen. Dies betrifft nicht nur aber auch das Finanzwesen. Der Mensch erscheint nicht erst im Holozän, wie der Protagonist Geiser in der gleichnamigen Erzählung von Frisch[12] aus dem Jahre 1972 fälschlicherweise sinniert, aber es liegt an uns dafür zu sorgen, dass der Mensch nicht im Holozän verschwinden wird.[13]

Fussnoten

[1] Vgl. Kersten 2014, S. 15-20; Manemann 2014, S. 15-34; Willmroth 2017; Sloterdijk 2017; Töpfer 2013, S. 32-34; Jacquet 2017.

[2] Vgl. Crutzen 2002; Töpfer 2013, S. 34-35.

[3] Vgl. dazu Piketty 2016, S. 101-110.

[4] Neben der (ersten) industriellen Revolution, welche die mechanisierte Produktion mittels Wasser- und Dampfkraft ermöglichte, spricht man heute für den Zeitraum um 1920 von der zweiten industriellen Revolution, in welcher die Arbeitsteilung und die Massenproduktion Einzug hielt, der dritten industriellen Revolution um 1970 durch die Entwicklung in der Elektronik und der Informationstechnologie zur weiteren (speicherprogrammierten) Automatisierung in der Produktion sowie aktuell von der vierten industriellen Revolution, in welcher reale Objekte und virtuelle Prozesse miteinander verknüpft werden (Einsatz von sog. cyberphysischen Systemen wie IoT oder DLT), vgl. Feldges 2016; Skilton/Hovsepian 2017, S. 3-28; Schwab 2016, S. 16-27.

[5] Vgl. Titz 2019; Schmitt 2019; zu den Gefahren und Grenzen des Wachstumes vgl. Meadows et al. 1972; Meadows et al. 1993; Diamond 2003, S. 454-461; Randers 2013.

[6] Crutzen 2002. Ü. d. d. V: In den letzten drei Jahrhunderten haben die Auswirkungen des Menschen auf die globale Umwelt zugenommen. Aufgrund dieser anthropogenen Emissionen von Kohlenstoffdioxid kann das globale Klima für viele Jahrtausende deutlich vom natürlichen Verhalten abweichen. Es erscheint [deshalb als] angebracht, den Begriff Anthropozän der Gegenwart zuzuordnen […]. Man könnte sagen, dass das Anthropozän in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts begann, als Analysen der im Polareis eingeschlossenen Luft den Beginn wachsender globaler Konzentrationen von Kohlendioxid und Methan zeigten. Dieses Datum fällt auch mit der Erfindung der Dampfmaschine von Watt aus dem Jahr 1784 zusammen.

[7] Vgl. Berndix 2013.

[8] Carlowitz 1713; Thomasius 2013.

[9] Vgl. Carlowitz 1713, S. 88-89 u. 105-106; Hauff 2014, S. 2-5.

[10] Vgl. Schmidt 2002, S. 304-342.

[11] Vgl. Huss/Gadow 2012, S. 21-28 u. 47-48; Töpfer 2013, S. 31-32; Köpf 2013; Grober 1999.

[12] Vgl. Frisch und Mayer 1998, S. 271, vielmehr wird die Entstehung des modernen Menschen (homo sapiens) dem Jungpleistozän (Eiszeitalter) zugerechnet.

[13] Siehe dazu auch die Problemfelder im 21. Jahrhundert bei Rogall 2010, S. 58.

Literaturhinweise zum Thema

Carlowitz von, Hans Carl (1713): Sylvicultura Oeconomica. Hauswirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht. Leipzig. Download in deutscher Sprache (Originalfassung) als Digitalisat.

Crutzen, Paul J. (2002): Geology of mankind. In: Nature (415), S. 23. Download in englischer Sprache (Originalfassung) als PDF.

Frisch, Max; Mayer, Hans (1998): Max Frisch. Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. 7 Bände. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag (7).

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