Hinweis

Dieser Text wird in abgeänderter Fassung als Teil einer grösseren Publikation erscheinen und soll hier als Separatausgabe und mit weiterführenden Literaturhinweisen vorab publiziert werden.

Einführung in die  Montes pietatis

Als Montes pietatis (lat. für Berge der Barmherzigkeit[1]) bezeichnete man die erstmals 1462 im italienischen Perugia durch die Franziskaner gegründeten Pfandleihanstalten. Mit diesen Anstalten wollte man die aufkommende Verarmung der städtischen Unter- und Mittelschicht bekämpfen und die als Wucher bezeichnete Geldleihe gegen Zins der Lombarden[2] und vor allem auch der Juden Einhalt gebieten.[3] Die Geldleihe gegen Zins (ob mit Pfand gesichert oder nicht) war gestützt auf das theologische Verständnis der damaligen Zeit jedoch verpönt.[4] Das Vermögen lag vor allem beim Grundbesitz und als Tauschmittel anerkannt waren einzig die Erzeugnisse der Viehzucht und des Ackerbaus. Die Funktion des Geldes wurde auf die Wertaufbewahrung und die Wertmessung beschränkt. Das Geld als Tausch- und Schuldentilgungsmittel wurde nur in engen Grenzen gutgeheißen, als Spekulationsobjekt jedoch abgelehnt. In diesem Zusammenhang ist auch die Ächtung der Geldleihe gegen Zins zu sehen, welche das Geld selbst zum (Spekulations-)Gut macht und in jener Zeit nur in sozialschädlicher Auswirkung wahrgenommen wurde. Denn, wer schon nach dem damaligen Verständnis unverschuldet in eine plötzliche Notsituation geraten war und gerade deshalb Geld ausleihen musste, der sollte „[…] nicht schutzlos dem Wucher der Geldmacht Preis gegeben (sic!) sein. Es erschien als etwas der christlichen Liebe Widersprechendes, wenn der Darleiher aus der Not des Anderen für sich gewinnen wollte, besonders dann, wenn das Darlehen gering war und ohnedies das Geld bei ihm müßig liegen würde. Es war dies eine feine sittliche Ansicht, die das offenbare Wohl der notleidenden Menschheit im Sinne hatte.“[5]

Den lombardischen und jüdischen Geldverleihern fehlte nach Holzapfel ein wichtiges Moment, welches sich die franziskanischen Montes pietatis als Geldverleiher zu eigen machten, nämlich das Prinzip der Caritas (im Sinne der christlichen Nächstenliebe und Wohltätigkeit).[6]  Ein Montes pietatis wurde definiert, als eine zum Nutzen der Armutsbekämpfung von frommen und ehrlichen Männern angesammelte Summe von Geld, welches unter bestimmten Voraussetzungen an Notleidende und Bedürftige ausbezahlt werden soll. Als wichtigste Voraussetzung galt die Pflicht, ein Pfand zu nehmen, dieses zu verwahren und gegen Rückgabe der Summe von Schuldner wieder auszuhändigen. Nur für die Verwahrung resp. die Aufbewahrung des als Pfand hinterlegten Gutes durften Entschädigungen (Gebühr) angenommen werden. Ziel war es, die notleidende Bevölkerung vor dem Zinswucher zu schützen und nicht neues Leid durch die zeitlich begrenzte Verschuldung zu verursachen.[7] Die Franziskaner, die selbst in besonderer Weise dem Armutsideal verpflichtet sind, wurden so im Laufe der Zeit zu den eigentlichen Kreditexperten im spätmittelalterlichen Wirtschaftsleben.[8]

Die franziskanische Praxis der Umgehung des Zinsverbotes durch Pfandleihe gegen Gebühr wurde durch die Lockerung des Zinsverbotes im Fünften Laterankonzil[9] (1512-1517) obsolet. Gleichzeitig verschwand im Laufe der Zeit auch die volkswirtschaftlich positive Bedeutung der Caritas als Teil des damaligen franziskanischen Kreditvergabeprozesses.[10] Die Leihanstalten reformierten sich und prosperierten gerade durch die Legitimierung der christlichen Zinsannahme unter der neuen (vermehrt weltlichen) Geschäftsführung. So reichen zum Beispiel die Wurzeln der UniCredit Group (UCG) zurück zur Monte di Pietà in Bologna aus dem Jahre 1473 und die älteste Bank der Welt, die Banca Monte dei Paschi (MPS), wurde 1472 ursprünglich als Monte Pio in Siena gegründet.[11] Aber auch die klassische Geldleihe gegen Sicherheit und Zins ist bis heute aktuell. Der Lombardkredit gilt als Bankgeschäft, bei welchem gegen eine Pfandsicherheit in Form von Mobilien (Wertpapieren, Bankguthaben oder beweglichen Sachen) ein kurz- bis mittelfristiger Kredit gegen Zins gewährt wird.[12]

Fussnoten

[1] Vgl. zur Barmherzigkeit als Begriff kirchlicher Güterverwaltung Holotik 1988.

[2] Die Lombarden als Vertreter der Handelsmetropole im Nordwesten Italiens  (Lombardei) hatten aufgrund der umfangreichen Handelstätigkeit Erfahrungen im Geldwesen (Wechselstuben), Kreditwesen und auch in der (doppelten) Buchhaltung und waren so den einfachen Kaufleuten mit Einnahmenüberschussrechnung (Kameralistik) meist überlegen, vgl. dazu Schlunk 1991, Sp. 2098-2099; Noflatscher 2006, Sp. 1043.

[3] Vgl. Berg 2006, Sp. 793; Holzapfel 1903, S. 15-32; Skambraks 2017, S. 169-175; Skambraks 2018, S. 99-103 sowie Heers 1993, Sp. 795-797.

[4] Vgl. Hanke und Rinnerthaler 2012, S. 43-52; Romic 2009, S. 75-90.

[5] Als historische Quelle dazu Amiet 1877, S. 8-9.

[6] Vgl. ausführlich Holzapfel 1903, S. 26.

[7] Vgl. aus alter Zeit 1715, S. 2-3 und Heers 1993, Sp. 795-797; Berg 2006, Sp. 793.

[8] Vgl. Skambraks 2017, S. 172; Skambraks 2018, S. 119; Schlegel 2007, S. 149-152.

[9] Vgl. Denzinger/Hünermann 1991, Nr. 1442-1444.

[10] Vgl. Zetzsche 2013, S. 239ff.; Romic 2009, S. 75-93.

[11] Vgl. Wriede 2010, S. 18.

[12] Der Lombardkredit ist ein Darlehen nach § 488 BGB mit Pfändung und Verwahrung der mobilen Sicherheiten (§§ 1204-1259 BGB). Enger die Lombardgeschäft-Definition dagegen in Art 272 Nr. 3 CRR, welche nur Sicherheiten in Form von Wertpapieren umfasst.

Literaturhinweise zum Thema
  • Dachtler, Gottlieb (1608): Montes Pietatis Romanenses. Strassbourg: Zetzner. Download in deutscher Sprache (Originalfassung) als Digitalisat.
  • Holzapfel, Heribert (1903): Die Anfänge der Montes Pietatis (1462-1515). München: Verlag der J. J. Lentner’schen Buchhandlung (Veröffentlichungen aus dem Kirchenhistorischen Seminar München, 11).
  • Marperger, Paul J. (1715): Montes Pietatis oder Lehn-Anstalten und Hülfs-Häuser. Leipzig: Friedrich Groschuff. Download in deutscher Sprache (Originalfassung) als Digitalisat.

Die Digitalisate wurden erstellt vom Münchener DigitalisierungsZentrum. Diese bringt seit 1997 die reichhaltigen Bestände der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) ins Internet und ist erreichbar unter: www.digitale-sammlung.de.

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